wann hat ein mensch "charakter"?

Eileen

Lolita
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Charakter, so hat der psychotherapeut und philosoph james hillman definiert, ist die form unserer psyche, zu der ein mensch sein leben lang hinstrebt, zu dem er sich hinentwickelt. er geht dabei von einem mehr oder weniger angeborenen charakterkern aus, den wir sozusagen im laufe unseres lebens "erfüllen".
andere auffassungen vom charakter betonen eher die einflüsse von umwelt, erziehung und schicksal auf die persönlichkeit: wir sind (auch) das produkt dessen, was uns zustößt.
im allgemeinen sprachgebrauch ist charakter das ensemble von eigenheiten und eigenschaften, die einen menschen unverwechselbar machen. manchmal meinen wir mit "charakter" vor allem den "schlechten" charakter, wenn die schattenseiten eines menschen zum vorschein kommen. manchmal benutzen wir das wort, um eine gewisse stärke zu loben.

das, was uns als das gewisse etwas an einem menschen beeindruckt, die gesamtheit seiner charakterzüge also, bleibt jedoch die beste basis für vorhersagen. psychologen haben sechs dimensionen des verhaltens identifiziert, die auskunft geben über den wahren charakter eines menschen. alle sechs dimensionen des charakters zeigen sich bereits relativ früh im leben. ihr mischungsverhältnis verändert sich im laufe des älterwerdens kaum.
manche dieser eigenschaften sind in der biologischen ausstattung verankert - zb die fähigkeit, leicht auf andere menschen zugehen zu können. andere charakteranteile sind sehr stark veränderlich, sie sind eher ein potenzial, das man entweder voll ausschöpfen oder verkümmern lassen kann.

die dimensionen:

1.)
Intelligenz: wie geht ein mensch an probleme heran? was ist sein individueller lösungsstil?

die intelligenz des menschen ist wahrscheinlich seine stabilste eigenschaft. sie sagt viel darüber aus, welche potenziale, welche zukunftsaussichten er haben und wie er sich entwickeln wird. das gilt nicht nur für seine geistigen und beruflichen leistungen, sondern auch für seinen charakter im allgemeinen. allerdings muss man beachten, dass intelligenz eines der umstrittensten und heikelsten gebiete der psychologie ist.
die meisten intelligenztheoretiker können sich aber auf eines einigen: die eigenschaft intelligenz zeigt, wie schnell und gut ein mensch informationen aufnehmen und verarbeiten kann. sie ist zwar keine garantie, aber doch eine gute chance, die dinge des lebens zu verstehen, erfahrungen zu bewerten und einzuordnen, aus ihnen zu lernen und auch von anderen menschen zu lernen. intelligenz ermöglicht, mit komplexität umzugehen, und schützt davor, auf simple lösungsmuster oder stereotypen zurückzufallen.
laut forschern gibt es zwei arten der intelligenz: kontrollierte und spontane. die kontrollierte steht für die fähigkeit, bewusst, überlegt und abstrakt denken zu können. sie erfasst also das, was gewöhnlich in intelligenztests gemessen wird. die kontrollierte intelligenz ist zielgerichtet und schöpft aus einem begrenzten pool von aufmerksamkeitsressourcen.
die spontane intelligenz ist so etwas wie mentales geschick im alltag. spontane, kognitive prozesse beinhalten die fähigkeit, sehr viele informationen fast automatisch aufzunehmen und zu verwerten. man könnte es auch das "kognitive unbewusste" nennen: offen für gelegenheiten und möglichkeiten zu sein, die nicht unmittelbar für eine anstehende aufgabe relevant sind.

keine der beiden intelligenzformen ist besser als die andere. für die gesamtintelligenz ist wesentlich, dass man zwischen den beiden formen flexibel wechseln kann, je nach aufgabenstellung. die klarheit des denkens ist eine eigenschaft, die weit mehr auskunft über einen menschen gibt, als ein intelligenzquotient.

2.)
Antrieb: Mit welcher energie und hartnäckigkeit verfolgt ein mensch seine ziele?
lebenslauf- und persönlichkeitsforscher haben herausgearbeitet, dass antrieb und zielenergie eng mit dem merkmal der "gewissenhaftigkeit" zusammenhängen. zum übergreifenden begriff des antriebs kommt noch hinzu, dass ein gewisses maß an risikofreude nötig ist, um neue leistungen und ziele zu erreichen. dazu widerrum ist selbstständigkeit im denken, eine geistige unabhängigkeit vom urteil anderer nötig.

3.)
zufriedenheit: wie gut gelingt es einem menschen, das leben zu genießen?
wo und wie ein mensch sein glück sucht und ob er fähig ist, öfter zufriedenheit als unzufriedenheit zu empfinden verrät viel über seinen charakter. zufriedenheit und glück mögen gefühle sein, aber sie hängen im hohen maße davon ab, wie ein mensch denkt.

4.)
moral: hat ein mensch einen moralischen kompass, und wie sehr leitet dieser sein verhalten?
was macht einen menschen zum halbwegs anständigen, verlässlichen und gutartigen wesen - und was zum betrüger oder gauner? jeder ist immer wieder moralischen unsicherheiten und anfechtungen ausgesetzt - und manchmal erfüllen wir auch unsere eigenen wertvorstellungen nicht hundertprozentig. der unterschied zwischen einem "guten" und einem "schlechten" charakter liegt darin, dass ersterem die moralischen klippen und ethischen irrwege immer bewusst bleiben, dass er wenigstens ein schlechtes gewissen empfindet und oft genug vor der versuchung zurückschreckt.

5.)
freundschaft: wie gut ist ein mensch fähig zu längerfristigen beziehungen?
wie ein mensch freundschaft lebt und erlebt, lässt tief in seinen charakter sehen: denn freundschaft ist ein zusammenleben von einer ganzen reihe positiver eigenschaften. sie basiert auf wirklicher gleichheit zwischen zwei menschen, auf fürsorgen, selbstlosigkeit, offenheit. deshalb ist freundschaft so befriedigend, wenn nicht gar eine der hauptursachen für lebenszufriedenheit. freundschaft erlaubt uns, am anderen zu wachsen, wir besitzen in freunden ein unterstützungssystem, das uns ermutigt risiken einzugehen und talente zu entwickeln und auszubauen. die fähigkeit, freundschaften aufzubauen und zu erhalten gibt uns auskunft darüber, ob wir loyalität, nachsicht und engagement besitzen.
wer zu längerfristigen freundschaften fähig ist, zeigt damit, dass er auch mit menschlichen schwächen, inklusive der eigenen gut umgehen kann.

6.)
vertrauen: wie sehr kann ein mensch sich öffnen - und so andere an sich binden?
wer fähig ist, intime und vertrauensvolle bindungen zu anderen menschen aufzubauen, verfügt über ein großes reservoir an trost und hilfe in schlechten zeiten. dieser charakterzug berührt die wurzel der psychischen sicherheit, er entscheidet darüber, wie ein mensch auf die welt zugehen und für sich gewinnen kann. vertrauen setzt ein zeichen von offenheit, wie viel man von sich preisgibt und sich verletzlich macht. gerade die verletzbarkeit, die durch selbstoffenbarung und bereitwilliges zuhören entsteht, setzt tiefes vertrauen in den jeweils anderen voraus. keine menschliche bindung, keine dauerhafte und belastungsfähige beziehung kann ohne dieses vertrauen existieren.


hier schließt sich der kreis: charakter heißt, genau dieses vertrauen, diese sicherheit im urteil über andere und über sich selbst zu haben. ein charakter macht den im positiven sinne berechenbaren, verlässlichen menschen aus.


Quelle: psychologie heute.


einen guten charakter machen also das zusammenspiel von intelligenz, antrieb, zufriedenheit, moral, freundschaft und vertrauen aus.
sollten wir uns unsere freunde und partner also nach überprüfung dieser eigenschaften aussuchen? ist das überhaupt möglich? meine freunde sind meine familie, ich liebe sie, aber ich muss sagen, sie verfügen nicht komplett über diese charaktereigenschaften. naja verfügen schon, aber sie erfüllen sie nicht komplett, sind sie deswegen keine "guten" menschen? weil sie nicht genug antrieb haben, um ihre ziele zu erreichen, oder weil sie nicht dauerhaft zufrieden sind? ich denke, diese dimensionen eines guten charakters sind relativ theoretisch zusammengefasst. ein mensch, der einen solchen charakter hat und alle anforderungen der charakterdimensionen erfüllt, ist dann wohl ein "supermensch" *lach*
 

infosammler

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So aufgelistet ist mir das noch gar nicht untergekommen.

Ich denke, das man so werden kann, nicht das man so ist, gleich von anfang an.
 

Eileen

Lolita
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Ich denke, das man so werden kann, nicht das man so ist, gleich von anfang an.

auf jeden fall, man muss ja auch so viele äußere einflüsse beachten: die umgebung, die familienverhältnisse usw.
wenn man zb die mentalisierung betrachtet, sieht man, dass frühe traumatische erfahrungen diese verhindern: ein bedrohtes kind versucht, die gedankenwelt seiner bezugsperson von sich fernzuhalten, weil es ahnt, das es in ihr auf ablehnung stoßen könnte. traumatische erlebnisse in unserer kindheit verhindern also, dass sich unser einfühlungsvermögen so ausprägt, wie bei einem anderen menschen, der keine traumatischen erlebnisse in der kindheit hatte.
 

infosammler

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Ja das stimmt. Es braucht eine gute umgebung, sonst läuft zu viel schief.
 

Golikumani

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Ich denke nicht, dass Freunde oder allgemein Menschen jeden dieser aufgelisteten Charaktereigenschaften in vollem Umfang nachgehen können müssen um ein guter Mensch zu sein. Denn jeder hat andere Prioritäten worauf es einem bei einem Selbst oder den Menschen in seiner Umgebung (charakterlich) ankommt.
Ob beruflich oder zwischenmenschlich. Es bringt mir nicht viel wenn ich intelligent, moralisch, gewissenhaft bin, wenn mir die Eigenschaft fehlt zu vertrauen. Außer man mag nichts mit anderen Menschen zu tun haben.
Einem Arbeitgeber bringt wohl nicht viel, wenn seine Angestellten keinen Antrieb für die Arbeit haben.
Es kommt auf das Zusammenspiel der einzelnen Eigenschaften an. Einige sind dabei ausgeprägter als andere, andere kommen vielleicht gar nicht vor. Aber ein Mensch ist ebend die Summe seiner Teile mit unterschiedlicher Gewichtung.
 
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